Der Podenco – das “andere” Wesen?

Anfang Februar, es ist mal wieder Ende der Jagdsaison in Spanien. Die Jäger sortieren ihre Hunde und wer den Ansprüchen nicht genügt, wird “entsorgt”. Viele Hunde werden getötet – teilweise in grausamen Ritualen gefoltert – andere werden ausgesetzt oder in den Perreras abgegeben. Woher sie auch immer kommen, unsere spanischen Tierschutzkollegen bemühen sich, so viele von ihnen aufzunehmen, wie sie nur eben können. Aber was passiert dann mit ihnen? Wir versuchen, ein neues Zuhause zu finden, aber das ist nicht immer ganz einfach. Besonders dann nicht, wenn es sich um solche Spezialisten wie die Podencos handelt.
Schenkt man den gängigen Klischees oder weitläufig verbreiteten Beschreibungen Glauben, müsste Mensch davon ausgehen, dass ein dauerschlafender Katzen-Hund,

mit dankbarem Blick und leicht-anstrengender Gassi-Geh-Attitüde ins neue Zuhause einzieht, wenn es sich um einen Podenco handelt. Kann man so glauben, muss man aber nicht. Dieser Text ist unseren Podencos in der Vermittlung gewidmet, um Missverständnisse auszuräumen, um Verständnis zu schaffen, und um Wissen an die Hand zu geben. Wissen schafft in diesem Fall Fairness – Fairness den Hunden gegenüber, die so sind, wie sie sind – aber auch Fairness den zukünftigen Haltern gegenüber, um Enttäuschung und Frust in Bewunderung und Stolz für diese speziellen Begleiter verwandeln zu können.


WOHER kommst du, und wie war’s da eigentlich?

Jeder Hundebesitzer hier in Deutschland würde über seine/n Hund/e in etwa das Gleiche sagen, wie die Jäger in Spanien über ihre Podencos. Es ist die Rede von großen Gefühlen, Liebe, Verehrung und Verbundenheit mit diesen Tieren. Doch sprechen hier alle Beteiligten von den gleichen Dingen?

Hört man genauer hin wird klar, dass die Jäger vor allem Eigenständigkeit, Unabhängigkeit und strategische Intelligenz – das solitäre Jagdverhalten – an ihren Hunden bewundern. Gewünscht ist ein Hund, der keine Kommandos braucht, um seinen Job zu machen. Gewünscht ist ein Ausblenden aller anwesenden Menschen, um 100%tig im Jagdgeschehen sein zu können. Gewünscht ist ein Hund, der nicht zurück blickt, der keine Kooperation sucht, sondern in Gänze und unter Einsatz all‘ seiner Sinnesorgane jagen geht. Dieser Hund verdient des Jägers ganzen Stolz.

Die genetischen Voraussetzungen, welche die Podencos mitbringen, werden von den Jägern durch einen „gebrauchshunde-tauglichen“ Umgang noch gefördert. Dies bedeutet im Einzelnen, dass die Interaktion und der Kontakt zu den Hunden so gering wie möglich gehalten wird. Das Interesse am Menschen soll auf ein Minimum beschränkt sein. Vor allem im ‚Freilauf‘ erhält der Podenco keine Ansprache, keinen Blickkontakt, keine Berührung und keinerlei Signale. Er ist auf sich allein gestellt – ein Solitär.

WOHIN gehst du, und wie geht’s dir da eigentlich?

Ab Tag 1 des Einzuges in einem neuen Zuhause in Deutschland dreht sich die Welt für fast alle Podencos auf den Kopf. Konträrer könnten die Erwartungen nicht sein. Konträrer könnten die Lebensumstände nicht sein. Angefangen bei A = Aufmerksamkeit für den Hund, über E = Einzelhaltung, bis hin zu Z = Haus statt Zwinger. ALLES ist anders. Die Erwartungshaltung „artig an der Leine“ zu gehen, wenn man sich draußen aufhält, ist reine Utopie. Im Freilauf würde der Podenco erlerntes Verhalten abrufen; d.h. den Menschen ausblenden, keinen Blickkontakt herstellen, keine Kooperationsbereitschaft zeigen. Und er würde mit Erschrecken feststellen, dass SIE nicht stolz auf ihn sind, wenn er dieses Verhalten an den Tag legt.

Fairness für Alle !

Mit diesem Hintergrundwissen sollte man an eine Adoption eines Podencos heran gehen. Sie können sich berechtigter Weise fragen, wer nach diesen Informationen wohl noch so einen komischen Podenco haben möchte? Ich kann ihnen aus Erfahrung sagen, zum Glück sind es Einige. Es ist erfüllend, sich auf ein fremdes Terrain zu begeben – es ist bereichernd seinen eigenen Horizont zu erweitern – es macht stolz, mit einem solchen Hund sein Leben zu verbringen. Es lernt Jeder von Jedem. Eigenständigkeit ist immer ein Garant für komplexe Persönlichkeiten; für charakterstarke Hunde und lässt Freiraum für viel Individualität. Es braucht Hundehalter mit Hirn und Humor – Menschen, die sich bewusst für diese speziellen Hunde entscheiden.


Der sagenumwobene Erfahrungswert – oder – was dich wirklich erwartet !

Der Podenco springt hoch, der Podenco springt weit, warum auch nicht, er hat ja Zeit – und dann steht ‚mensch‘ auch schon mal anderthalb Stunden im Wald und verschiebt einhändig (denn die andere Hand hält bemüht die Schleppleine des schreienden Pödels) alle nachfolgenden Termine auf die nächsten Tage.

Podenco-Besitzer sind hart im Nehmen. Wenn nicht, die Härtesten! Wo andere in Panik verfallen, wischt der Podi-Halter Schweiß, Blut und Matsch – wahlweise – von seiner oder der Stirn des Hundes. Podi-Halter haben Nerven aus Stahl, ein super funktionierendes Herz-Kreislauf System und hervorragend trainierte Stimmbänder. Die Arm- und Schultermuskulatur ist meistens auch gut ausgeprägt und der Griff ähnlich eines Schraubstockes. Sich in Gesellschaft eines Podi-Halters flüssig beim Gassigehen zu unterhalten ist zwar eine Herrausforderung, da man zu 110% auf die Hunde konzentriert ist, dafür vergisst man den Namen des Podencos nie mehr, da sich dieser in die Hirnhaut eingebrannt hat.

Auch die Mode kommt nicht zu kurz. Rustikale Jacke in dunkel, Frisur aerodynamisch für den 180 Grad-Rundum-Blick, Gummistiefel oder sonstiges robustes Schuhwerk und Jeans – nein nicht von Jack Wolfskin – die Pfotenabdrücke auf der Hose sind vom Podenco. Erdiger Geruch. Die Hunde erkennt man am Gras das aus der Schnauze hängt, sowie an den Dreckklumpen an der Nase und den Vorderpfoten. Im Prinzip tragen beide ca. 1 m² Ackerfläche mit sich herum und kennen jedes Wild im Umkreis von 5 km mit Namen und Blutgruppe.

Die Grundausstattung hält sich Grenzen – der Podi ist kein Schnick-Schnack-Hund. 1 Wassernapf, 1 Futternapf, 4 GPS-Tracker, 28 Schleppleinen unterschiedlichsten Materials, ungezählte Sicherheitsgeschirre in allen Farben und Größen, samt eingestickter Telefonnummer in einer Größe, die auch noch in 100 m Entfernung lesbar ist. Podi-Halter haben keine Wühlmaus- oder Maulwurfprobleme im Garten, dafür aber öfters das Bauamt vor Ort, das kontrolliert, für welchen Verwendungszweck die neue Baugrube ist. Sie kennen alle Arten ein Grundstück ausbruchssicher zu verrammeln und kennen sich mit Zäunen besser aus, als jeder Baumarktmitarbeiter.

Wenn der Podi-Besitzer angesprochen wird, dann meist, weil er so sportlich unterwegs ist, weil der Pödel am Horizont ein Häschen hat hoppeln sehen. Auch „über-den-Acker-gezogen-werden“ sieht von Weitem nach einer neuen Form des Zughundesports aus. Wie Sie sehen, wird es Ihnen an Abwechslung und Kontakt mit den Elementen nicht fehlen. Wenn Sie also der Natur schon immer mal so nahe sein wollten, wie Sie es bis dato nicht für möglich gehalten haben, dann ist der Podenco genau der richtige Hund für SIE !!!

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