Das Projekt Murcia 2019: Ein Bericht von Susanne Tölle

Wir sind wieder hier! Nach langen Vorbereitungen haben wir es wieder geschafft, auch in diesem Jahr einige Zeit in unserem Refugium in Murcia zu verbringen. Was uns zu Beginn erwartet ist uns inzwischen sehr vertraut. Damit meine ich die Lautstärke von vielen bellenden Hunden, die Gerüche und natürlich Nieves, die schon auf uns wartet und das große Tor offen hält, damit wir mit unserem Wohnmobil hinein fahren können.
Zur gleichen Zeit fährt auch unser Besuch aus Deutschland vor, Angelika und Andreas. Sie haben vor Jahren unseren Basco adoptiert und würden das Refugium gern persönlich kennenlernen.

Die Sonne scheint, und der Tag beginnt vielversprechend.

Tja, und dann holt uns die Realität ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Wir können nämlich für unser Wohnmobil nirgends Strom bekommen, weil die Ratten inzwischen in alle Bereiche vorgedrungen sind, und somit auch die Elektronik zerstört haben. Nur noch in der alten Küche funktionieren die Steckdosen. Aber das ist 200 m weit von der Stelle entfernt an der wir stehen. Also müssen wir erst einmal massenhaft Kabel besorgen um überhaupt hier bleiben zu können. In der Zeit tauen natürlich unsere Vorräte im Auto auf. Aber was nutzt es… Murcia hat uns wieder…

Nieves zeigt uns die Hunde. Leider sehe ich auch hier Hunde, die ich jedes Jahr wieder sehe. Im gleichen Zwinger, mit den immer gleichen traurigen Augen, nur jedes Jahr ein wenig älter. Während wir durch die Anlage gehen hoffe ich, dass

der Hund oder die Hündin nicht mehr dort drin sind. Bei einigen Zwingern trifft das auch zu. Leider kann ich mich aber darüber nicht freuen, denn diese Hunde sind verstorben und haben bis zu ihrem traurigen Ende keine Familie gefunden.

Hercules und Denny

Da sind zum Beispiel Hercules und Denny. Sie wurden vor 8 Jahren von Tierschützern in Obhut genommen, die sich aber leider nicht weiter um sie gekümmert haben. Man hat ihnen zwar damals das Leben gerettet, aber sie dann vergessen, weil es täglich wieder neue Hunde gab um die man sich kümmern musste. So hat Nieves sie dann übernommen. Aber ein solches Leben hat natürlich Folgen.

Hercules hat kein Vertrauen zu Menschen und würde unter Stress beißen, während Denny sich gar nichts traut und sich lieber hinter seinem großen Freund versteckt. Außerdem ist Hercules Leishmaniose positiv.
Allein diese beiden Hunde kosten die Tierschützer viel Geld und das vermutlich noch für eine lange Zeit, denn niemand möchte solche Hunde.


In diesem Jahr ist sogar ein Schaf hier, das einsam durch die Straßen von Murcia lief. Es heißt Emma.

Die Tierschützer hier suchen nach einem Zuhause, in dem es alt werden darf und nicht geschlachtet wird.


Angelika und Andreas sind erst mal froh darüber, das sie hier alles gar nicht so schockierend vorfinden, wie sie befürchtet hatten. Das Gefühl hat hier jeder, der das erste Mal zu Besuch ist.
Sie krempeln die Ärmel hoch und fangen sofort an zu helfen. Die tägliche Arbeit hier: Zwinger reinigen und Hunde versorgen. Ein tristes, tägliches Einerlei unter permanenter Beschallung der bellenden Hunde. Durch unseren Besuch haben sie mal eine kurze Abwechslung.

Denn natürlich kann jeder Hund jetzt länger im Freilauf bleiben als sonst. Das kann man nicht leisten wenn man täglich hier ist, neben seiner Arbeit und dem ganz normalem Leben, das man ja auch noch hat.
Aber wir sind jetzt nur für die Hunde hier und beschäftigen uns mit ihnen. Angelika und Andreas sind total überrascht wie schnell die Hunde sich über ihre neuen, unbekannten Pfleger freuen und sich an sie binden. Auch mich überrascht das jedes Jahr wieder neu.


Hier ein kleiner Bericht von den beiden über ihre Eindrücke hier:

Unser Hund Milo kam am 18.07.2015 bei uns zu Hause an – ein Datum, das wir wohl nie wieder vergessen werden. Milo hatte zuvor (als Basco) fast 4 Jahre im Refugium von Nieves in Murcia verbracht, und das von Welpentagen an. Diesem lieben, schüchternen und wahnsinnig sensiblen Hund die Welt und ein liebevolles und festes Zuhause zu zeigen, war ganz sicher eine der größten Herausforderungen, der wir uns je gestellt haben, aber auch eine der schönsten und emotionalsten Reisen, die man sich überhaupt denken kann.

Von Beginn an hatten wir den Wunsch zu sehen, wo Milo her kommt und quasi seine komplette Kindheit und Jugend verbracht hat. Wahrscheinlich haben wir uns jedoch einfach lange Zeit nicht getraut, der (Hunde-)-Realität in Südspanien und den vielen Schicksalen in Nieves‘ Refugium ins Auge zu sehen. Daher brauchte es den Hundepfoten-in-Not-Adventskalender 2018, um die Dinge ins Rollen zu bringen. Neben vielen süßen Hunden waren hier Bilder von Milos Schwestern eingestellt. Milo ist Teil eines 5er-Wurfs und wie er hatten auch zwei seiner Geschwister das Glück, auf ein Sofa in Deutschland vermittelt zu werden. Seine beiden Schwestern Coco und Colette jedoch wurden an eine andere Organisation übergeben, die sie – zurückhaltend und scheu, wie sie sind – einfach vergessen haben. Jetzt waren sie aber – nach 8 Jahren! – doch noch in die Obhut von Hundepfoten in Not gekommen.

Diese Erkenntnis hat eine Menge Fragen in uns ausgelöst: Wie geht es den Beiden in Spanien? Wie sieht es in „unserem“ Dog Shelter aus? Brauchen wir vielleicht dringend einen Zweithund? 😉 Nach einigem Hin und Her konnten wir bei den Hundepfoten einen super-süßen Kandidaten identifizieren. Aber würde der auch zu unserem kleinen Sensibelchen passen? Bei einem Cocktail in einer Hotelbar kam uns die (im wahrsten Sinne des Wortes) Schnapsidee: Warum sehen wir uns das Ganze nicht selbst an? So was geht inzwischen ziemlich zügig, und eine halbe Stunde später hatten wir Flüge, Hotel und Mietwagen gebucht. 

Am 25.01.2019, einem Samstag, sind wir dann morgens, zugegebenermaßen leicht nervös und unsicher, was uns erwarten würde, in Murcia angekommen. Die ersten beiden Dinge, die man dort wahrnimmt, sind das deutlich überdurchschnittliche Januar-Wetter, vor allem aber der permanente und schon aus der Ferne ziemlich ohrenbetäubende Lärm. In Murcia leben auf einem eingezäunten Gelände von insgesamt ca. 10.000 qm in Summe in etwa 120 Hunde. Das Areal ist zwischen mehreren Tierschutzorganisationen aufgeteilt, und unter diesen – auch wenn wir vielleicht ein wenig voreingenommen sind – geht es den rd. 40 Tieren bei Nieves und den Hundepfoten mit großem Abstand am besten. Dennoch sieht ein schönes und artgerechtes Hundeleben weiß Gott anders aus: Das Land ist karg, der Wind ziemlich rau, überall sind Ratten auf der Suche nach Wasser und die herrschende permanente Unruhe ist physisch greifbar. Alle Helfer, die in der Anlage arbeiten – und natürlich allen voran Nieves selbst, die bereits seit Jahren all ihre Freizeit und Energie an „ihre“ Tiere verschenkt -, geben wirklich ihr Bestes, aber die Verhältnisse sind und bleiben natürlich trotzdem schwierig. Und genügend Zeit, um allen Tieren auch nur 10 min Aufmerksamkeit am Tag zu schenken, ist leider auch selten da. 
Aber die Hunde: Leute, es ist für uns absolut unbegreiflich und unfassbar, wie lieb, fröhlich und sanft diese vergessenen, häufig gequälten und abgeschobenen Geschöpfe sind! Alle Bedenken, insbesondere mit Blick auf die etwas größeren Exemplare, waren von der ersten Sekunde wie weggeblasen. Egal ob kleiner Mischling oder Staffordshire – alle Tiere waren einfach nur unendlich dankbar und glücklich, dass wir die Möglichkeit hatten, ihnen ein klein wenig mehr Auslauf, Zeit und Streicheleinheiten schenken zu können, als sie es sonst gewöhnt sind.

Von Samstag bis Montag waren wir also – sozusagen auf Probe – im Refugium aktiv: Sauber machen, spülen, Futter und Wasser erneuern und vor allem spielen und rumalbern. Und obwohl das nur ein ganz kurzer Zeitraum war, sind uns doch ganz viele der Hunde schnell und klammheimlich ans Herz gewachsen: Der verrückte Chocolate, die schüchternen Coco & Colette, der fantastische und eindrucksvolle Wotan, der zärtliche Basil, der nervöse Tyson, der bildhübsche, aber scheue Yago und natürlich unsere Alegria, eine wunderbar sanfte und liebevolle Hündin, auf die wir uns schon so sehr freuen und die uns mit der Art & Weise, wie sie sich uns ausgesucht hat, von Beginn an keine Wahl gelassen hat 🙂

Die Zeit in Spanien war wahnsinnig intensiv, und ist daher wirklich wie im Flug vergangen. Unser Kurztrip nach Murcia hat dennoch tiefe Spuren bei uns hinterlassen. Wir wissen mit Sicherheit, dass wir – und dann auch für längere Zeit – wieder kommen werden. Nicht nur, weil wir der festen Überzeugung sind, dort etwas Gutes tun zu können (auch wenn es vielleicht nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist), sondern auch, weil wir am Ende viel viel mehr zurückbekommen als gegeben haben.

Zum Abschluss möchten wir gerne Nieves, unermüdlich in ihrem Streben, so viele Hunde wie irgend möglich, vor dem sicheren Tod zu retten, und Susanne, immer online und immer auf der Suche nach dem nächsten Sofa, stellvertretend für die Hundepfoten in Not, für ihren dauerhaften und phantastischen Einsatz in Spanien danken. Ihr habt dort etwas ganz Tolles geschaffen, was die Welt, in der wir leben, ein klein wenig besser macht. Wir freuen uns schon wahnsinnig darauf, Euch – und hoffentlich ganz viele unserer neuen vierbeinigen Bekanntschaften – beim diesjährigen Sommerfest wieder zu treffen.

Und an alle, die das hier lesen: Bitte engagiert Euch, egal ob mit einer Spende, einer Patenschaft oder in dem Ihr Euch selbst vor Ort einbringt, dieses Refugium für verlassene Hunde hat wirklich jede Unterstützung verdient!

Kommt am besten alle zum großen Sommerfest nach Siegen. Nieves wird erstmals selbst nach Deutschland kommen, und dann feiern wir alle gemeinsam eine große Wiedersehensparty!

Angelika spielt mit Chocolate
Andreas beim Leinentraining mit Basil

Nach 3 arbeits- und eindrucksreichen Tagen fliegen die 2 wieder nach Deutschland. Aber sie haben sich hier in unsere schöne Sofia verliebt und werden sie adoptieren. Mit dem nächsten Transport wird Sofia in ein super schönes Leben reisen können. Natürlich haben sie sich hier intensiv mit der Hündin beschäftigt.

Trotzdem sind wir alle überrascht darüber, wie traurig Sofia wird, als Angelika und Andreas am 4. Tag nicht mehr kommen. Das zeigt uns, wie unglaublich schnell die Hunde sich binden und zu hoffen beginnen. Wir haben ihr gesagt das sie schon die Tage zählen kann, bis sie ebenfalls nach Deutschland fährt, und hoffen das sie uns verstanden hat.

Am nächsten Tag bekommen wir weiteren Besuch. Malwina und ihre Freundin Anna besuchen uns das 3. mal hier. Ihnen geht es mit den ersten Eindrücken ähnlich wie uns. Aber wir freuen uns sehr darüber, dass auch sie sich inzwischen mit dem Refugium und Nieves sehr verbunden fühlen. Da wir nun alle Tage zu viert waren, konnten wir richtig

viel schaffen und uns intensiv mit den Hunden beschäftigen, Fotos und Filme machen, die Hunde mit Katzen testen und mit Kindern. Für den Kindertest muss jetzt die kleine Olivia, die Tochter von Nieves, immer herhalten. Aber sie macht das mit ihren 2 Jahren schon sehr professionell. Sicher wird sie in einigen Jahren mal eine tolle Tierschützerin.

Nieves mit ihrer Tochter Olivia
Olivia hilft schon eifrig mit

Während wir mit den Hunden zusammen waren kam noch weiterer Besuch. Eheleute Plaeschke kamen an einem Nachmittag mit ihrem kleinen Timon, den sie vor 4 Jahren von uns adoptiert hatten. Nieves hat sich riesig gefreut. Es ist toll die ehemaligen

Sorgenkinder nun gesund und glücklich wieder zu sehen. Ich habe den beiden das Refugium gezeigt, und sie waren positiv überrascht wie ordentlich hier alles aussieht. Im nächsten Jahr wollen sie wieder Urlaub in Mazzaron machen, und wenn wir ihre Hilfe benötigen, auch gern mit anpacken.


An einem Nachmittag fahren Malwina, Anna und ich in die Perrera. Obwohl man die Gegebenheiten kennt, ist es hier kaum auszuhalten. Die Not der Hunde springt einen förmlich an, sobald man das große Schiebetor geöffnet hat.
Langhaarige Hunde, die so zugewachsen und verfilzt sind, das sie nichts mehr sehen können.


Hunde deren Pfoten und Nasen blutig sind, durch die immer wieder neuen Versuche diesem Alptraum zu entkommen. Aber es gibt kein Entkommen. Und diese schiere Angst und große Not steht ihnen in die Augen geschrieben.

Leider können wir vielen Hunden schon aufgrund ihrer Rassezugehörigkeit nicht helfen.

Obwohl es mich unglaublich wütend macht, das man so tolle Hunde – die man ja schließlich auch mal haben wollte – so im Stich lässt, obwohl sie nie jemandem etwas getan haben.


Nach einigen Tagen reisen auch Anna und Malwina wieder ab. Aber da wir in diesem Jahr so viele Helfer waren, blieb sogar mal Zeit zwischendurch eine Pause zu machen und sich zu unterhalten.

Das hat allen gut getan und wir sind mit dem Vorsatz auseinander gegangen, es im nächsten Jahr genau so zu machen. Für Nieves ist es besonders schön, zu erleben, dass es Menschen gibt, die hinter ihr stehen. Denn der Alltag hier ist enorm anstrengend…

Leider haben sich auch die Kosten für das Refugium erhöht und ein anderer Verein, wird das Refugium mit seinen Hunden verlassen. Wir haben Angst vor noch mehr Kosten, die der Besitzer dann Nieves und ihrem Verein aufs Auge drücken will. Obwohl der Besitzer sich hier um nichts kümmert, steigen die Kosten. Nieves hat ihm erklärt, was wir schon alles für die Instandhaltung der Anlage geleistet haben. Auch in diesem Jahr hat Bernd Zwinger repariert und Bruchstellen ausgebessert. Aber den Herrn interessiert das nicht.

Leider nichts Ungewöhnliches in diesem schönen Land. Man kann ihn beobachten, wie er mit seinen reichen Freunden und ihren teuren Autos auf sein Grundstück fährt und dort mit den hochkarätigen Rassehunden „trainiert“. Es sind überwiegend Dobermänner die hier scharf gemacht und zu Höchstleistungen getrieben werden. Zwischen diesem Platz und dem Refugium ist nur ein Maschendrahtzaun. Und doch liegen Welten zwischen uns und unserer Einstellung zu den Tieren.

Adonis in der Perrera

Bernd und ich bleiben noch einige Tage, reinigen die Zwinger und beschäftigen uns mit den Hunden. Wir holen 3 Hunde aus der Perrera: Enzo, Eliza und Adonis. Und ich hoffe, wir werden sie im kommenden Jahr nicht wieder sehen, weil sie endlich doch noch zu lieben Menschen gekommen sind. Ich jedenfalls verspreche ihnen, das ich alles in meiner Macht stehende dafür tun werde. Wir können einfach nur hoffen, dass immer mehr Menschen auf dieses Leid aufmerksam werden und ebenfalls einen unserer tollen Hunde ein Zuhause geben.

2 Tage nachdem Malwina wieder in Deutschland war, schickte sie uns diesen Zusammenschnitt von ihrem Besuch hier.

Ich denke, dem ist nichts hinzu zu fügen…

In diesem Jahr findet unser 15 jähriges Sommerfest in Siegen statt, und Nieves wird mit ihrem Mann das erste Mal Deutschland besuchen.

Und sie hofft dort ganz viele glückliche Hunde zu sehen die sie in der Vergangenheit gerettet hat.

Das Projekt Murcia 2019: Ein Bericht von Susanne Tölle
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