“Arbeitsurlaub 2018” bei unserer Tierschutzkollegin Nieves in Murcia…

Unsere Ansprechpartnerin Susanne Tölle war auch in diesem Jahr wieder mit ihrem Mann Bernd bei unserer Tierschutzkollegin Nieves in Murcia. Gemeinsam mit anderen Helferinnen und Helfern – auch unser junges FahrerInnenteam Steffi und Dennis war dabei – haben sie während ihres Aufenthalts kräftig mit angepackt, um die anstehenden Arbeiten zu bewältigen. Susanne hat uns dazu folgenden Bericht geschickt:

So schnell vergeht die Zeit. Wir sind tatsächlich schon wieder in Murcia und die Hunde empfangen uns mit ihrem Gebelle. Dieses Jahr ist besonders schön. Denn wir bekommen Besuch von Malwina und ihrer Freundin Anna, und auch Steffi und Dennis kommen, um bei der Arbeit zu helfen und den nächsten Transport vorzubereiten. Es fühlt sich gut an, nicht mehr allein mit den Problemen hier zu stehen, sondern mit Mitstreitern, denen das Wohl eines jeden einzelnen Hundes genau so am Herzen liegt wie mir.
Am 17. Januar erreichen wir mittags das Refugium. Bereits kurze Zeit später treffen auch Steffi und Dennis mit dem Sprinter ein und gleich im Anschluss auch Malwina mit Anna. Die Organisation hat also schon mal hervorragend geklappt. Nieves hat heute eine Examensprüfung zu absolvieren, auf dem Weg zum Beruf der Krankenschwester. Anschließend kommt auch sie.

Wir gehen die Zwingerreihen entlang und sehen viele neue Hunde, und leider auch Hunde, die wir schon seit Jahren kennen. Die Freude wieder hier zu sein, vermischt sich mit dem Gefühl der Betroffenheit, das man wohl nie genug helfen kann. Manche Hunde springen ausgelassen an den Zwingertüren hoch und wollen raus. Sie hoffen auf die Hilfe der Menschen und bellen, heulen und drehen sich im Kreis, um auf sich aufmerksam zu machen. Andere Hunde gucken kaum noch hoch. Sie haben offensichtlich den Glauben aufgegeben, dass man ihnen hilft. Die Resignation ist ihnen deutlich anzusehen und mir bricht es das Herz als Malwina zu mir sagt:“ Du, der war doch vor 3 Jahren schon hier.“ Das stimmt, und er war auch bei meinem ersten Besuch vor 7 Jahren schon hier.
Was das bedeutet versteht man, wenn man ihn anschaut: Trostlosigkeit, Verständnislosigkeit, Hoffnungslosigkeit und unendliche Traurigkeit liegt in den Augen dieses Hundes. Etwas, was wir auch bei anderen Hunden sehen und was kaum zu ertragen ist. Dieser altbekannte Spruch „Man kann nicht Allen helfen…“ ist wohl wahr, aber was er bedeutet sehen wir hier. Für mich ist er ein Versagen von uns Menschen gegenüber den Tieren!

Wir besprechen uns für die kommenden Tage um optimal arbeiten zu können. Malwina und Anna helfen beim Säubern der Zwinger. Bernd und Dennis wollen die alte Holzhütte instand setzen, um zukünftig dort bei ihren Besuchen übernachten zu können, denn die Besuche hier sind leider auch sehr teuer, und wir alle würden das Geld lieber in die Hunde als in Hotelzimmer investieren. Steffi und ich wollen Hunde testen, fotografieren und einstellen. Also genug Arbeit für die nächsten Tage. Wir krempeln die Ärmel hoch und laden die Spenden vom Sprinter ab, um sie in den früheren Pferdestall zu bringen.
Und hier erwartet uns die erste böse Überraschung: Ratten! Es wimmelt hier von Ratten und es kostet uns Überwindung auch in dunkle Ecken zu gehen. Sie sitzen überall und beobachten uns. Wir wollen keiner Ratte etwas zu Leide tun, sie wollen ja auch nur leben. Aber das sie versuchen ans Fressen der Hunde zu gehen finden wir nicht in Ordnung.

Und schon ändert sich unser Arbeitsplan und wir versuchen als Erstes das Futter zu sichern. Das ist gar nicht so einfach, denn offensichtlich kommen diese kleinen Tiere auch durch die kleinsten Löcher.

Den ganzen kommenden Tag verbringen wir mit dem Sichern des Hundefutters. Die Männer rühren Speis und verschließen die Eingänge der Ratten und Steffi und ich putzen jede Ecke und entfernen die Hinterlassenschaften. Das nimmt viel Zeit in Anspruch, muss aber gemacht werden, um nicht langfristig ein immer größer werdendes Problem zu bekommen. Für eine Zeit haben wir das auch gut gelöst, aber wir sind ziemlich sicher, dass diese schlauen Tiere neue Wege finden werden.

Deshalb bitten wir um Ideen, die uns dabei helfen, das Hundefutter zu sichern. Aluminiumkästen wären sicherlich eine Möglichkeit. Wenn jemand eine solche Kiste übrig hat, könnten wir sie vielleicht beim nächsten Transport mitnehmen. Oder Spenden um ein paar Boxen zu kaufen, leider sind sie sehr teuer, und für uns nicht erschwinglich.

Nachdem wir das Rattenthema so weit es uns möglich war abgearbeitet hatten, konnten wir endlich zu unseren eigentlichen Aufgaben zurückfinden. Das Holzhaus war in einem schlimmeren Zustand als erwartet. Der Zahn der Zeit, und auch der Ratten hinterlässt halt seine Spuren…

Dennis bei der Arbeit

Aber Bernd und Dennis waren ein super Team und je mehr Probleme auftraten um so ehrgeiziger wurden sie dabei diese zu lösen.

Bernd bei der Arbeit

Auch wenn das Häuschen noch nicht fertig geworden ist, halten wir doch langfristig an dem Ziel fest, es so bewohnbar zu machen, dass man hier auch mal übernachten kann. Sowohl Vereinsmitglieder, als auch interessierte Hundeliebhaber, die sich das einfach mal ansehen möchten. Bernd und Dennis werden die Arbeit also bei ihren nächsten Besuchen fortsetzen. Auch hier freuen wir uns natürlich über kreative Ideen. Gebraucht werden noch ein Warmwasserboiler, ein Bett mit Matratze, ein Kühlschrank und ein Metallspind.

Zufrieden mit ihrem Ergebnis

Während dessen verliebten sich Malwina und Anna stündlich in einen anderen Hund. Jeder ist besonders, wenn man ihn erst einmal kennen lernt.

Malwina mit Cooper und Pulga
Anna und Malwina mit Sina und Gustav

Die Tage sind sehr anstrengend. Es ist ja nicht nur die Arbeit, sondern auch die Belastung der vielen Eindrücke denen man hier ausgesetzt ist. Am Freitag Abend verabschieden sich die 2, um am kommenden Morgen wieder Richtung Heimat zu fliegen.

Am kommenden Tag sind dann Steffi und ich mit Laura zur Tierklinik gefahren um die Galga Frieda kennenzulernen. Diese hübsche Hündin ist noch nicht alt, hat aber schon unendlich viel Leid erfahren. Sie hatte das Pech in eine Falle zu treten.

Frieda in der Tierklinik

Trotz aller Versuche der Tierärzte hier konnte das Bein jedoch nicht gerettet werden. Es musste amputiert werden. Die ohnehin schon ängstliche Hündin hat dies so schwer traumatisiert, dass es nicht möglich ist sich ihr zu nähern, ohne die blanke Panik bei ihr auszulösen.

Tags darauf fuhren wir mit Nieves und Laura in die Perrera. Auch hier begegnete uns nur Angst und Not der unendlich vielen traurigen Hunde, die hier zum Teil schon seit Jahren ihr Leben fristen müssen.
Viele Anlagehunde, denen niemand helfen kann, weil Menschen entsprechende Gesetze gemacht haben. Sie drücken sich an uns und wollen hier raus. Es ist schrecklich. Man ist ohnmächtig gegenüber dieser Machtlosigkeit die einen hier überfällt. Tränen fließen, aber sie helfen niemandem.

Wir sehen 3 junge Herdenschutzhunde, noch kein Jahr alt und schon seit Monaten hier. Sie erinnern mich sehr an unseren alten Freund Caballo, der einsam sterben musste, weil auch ihn niemand haben wollte. Und so viele Hunde, die niemandem etwas getan haben, und doch zu diesem erbärmlichen Leben gezwungen werden. Als Letztes finden wir in der kleinen Toilette 3 kleine Welpen, nicht älter als 4 Wochen. Wir taufen sie Anton, Trude und Greta und nehmen sie nach langem Abwegen, wo wir sie in dem übervollem Refugium noch lassen wollen, schließlich doch mit.

Und uns alle berührt ein kleines, weißes Kätzchen sehr. Sie war auf einmal da und eroberte unsere Herzen im Sturm. Steffi hat sie Kitty getauft. Ganz zart, maximal ein Jahr alt und mit einem blauen und einem grünen Auge, ist sie wunderschön. Aber sie ist nicht nur schön, sondern auch noch sehr liebenswert. Jede Nacht hat sie geweint, weil sie ins warme Wohnmobil wollte, was leider aufgrund meiner eigenen Hunde ausgeschlossen war. Immer wollte sie auf den Arm und war extrem schmusebedürftig. Auf der Suche nach Anschluss, den wir ihr leider nicht geben konnten. Außerdem hatten wir den Verdacht dass sie schlecht hört. Auch hier wären wir offen für Ideen, wie man ihr helfen kann.

An den Abenden wird es dann schlagartig sehr kalt. Fast täglich machen wir abends ein Feuer, verbrennen so gleichzeitig den Müll des Tages, und lassen den Tag Revue passieren. Doch auch dann ist nie Ruhe im Refugium. Um 22 Uhr wieder Unruhe. Laura kommt. Sie hat ein kleines, schwarzes verängstigtes Etwas in einer Box. Die kleine Amie ist ebenfalls in eine Falle getreten. Die Tierärzte vermuten dass sie sehr lange in der Falle hing und versucht hat sich zu befreien, aber vergeblich. Die Pfote musste amputiert werden. Und nun ist sie mit ihren Ängsten, Verletzungen und Schmerzen sich selbst in ihrem Zwinger überlassen. Die anderen Hunde machen ihr furchtbare Angst.

Amie

Es ist laut und kalt. Sie möchte fliehen und wird doch lernen müssen, dass ihr Leben für eine lange Zeit auf diese wenigen Quadratmeter reduziert wird.
Bis, vielleicht irgendwann jemand kommt, der ihr die Chance auf ein Leben bietet, das jeder Hund haben sollte.

Wenn ich in Deutschland bin, bekomme ich häufig von Nieves solche Nachrichten über Hundenotfälle und ihren Alltag im spanischen Tierschutz. Was es aber wirklich bedeutet, immer wieder zu überlegen, ob und wie man einem verunfallten oder ausgesetztem Hund helfen kann; wo man das viele Geld was dafür nötig ist her bekommt; wie man selber das alles verkraften soll; und und und……davon bekommt man erst eine Ahnung wenn man es hier jeden Tag erlebt. Und vor allem wenn man dafür sorgen muss, das dem Hund sofort geholfen wird. Egal zu welcher Uhrzeit, ob während der Arbeitszeit, an Feiertagen oder in der Nacht, es hat nie ein Ende. Nieves ist hier eine kleine Heldin. Sie ordnet ihr Leben den Hunden unter. Obwohl ihre kleine Tochter Olivia gerade krank war und sie mitten im Examen steckt ist sie immer für die Hunde erreichbar und kommt auch in der Nacht, wenn es erforderlich ist.

Als wir nach 10 Tagen fahren sind wir erschlagen von der Arbeit und den vielen Emotionen. Wie hält man das bloß jeden Tag aus? Ich stelle Nieves diese Frage, und sie antwortet:
„ Ich werde in diesem Land niemals glücklich. Niemals werde ich einen Hund der Hilfe braucht im Stich lassen.“ Dabei weint sie. Dann fängt sie an zu lachen, wie es ihre Art ist und sagt: „Mein Mann Fran sagt wir müssen nach Deutschland auswandern. Dort gibt es keine Straßenhunde und ich wäre nicht mehr traurig. Aber dann würde ich sie auch im Stich lassen……..“

Wir werden wieder nach Deutschland fahren. Aber auch wir können die Hunde hier nicht mehr vergessen und werden immer wieder zu ihnen zurück kommen. In der Hoffnung das sich irgendwann etwas ändern wird.

An dieser Stelle würde ich mich gern auch mal bedanken. Und zwar bei den Menschen die immer helfen, wenn Hilfe nötig ist. Und die immer ein offenes Ohr für mich haben. Aus Datenschutzgründen möchten einige nicht genannt werden. Das respektiere ich. Aber ihr wisst schon dass ihr gemeint seid!

DANKE,  DANKE,  DANKE.

Susanne Tölle

“Arbeitsurlaub 2018” bei unserer Tierschutzkollegin Nieves in Murcia…
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