|
|

Liebes,
verfluchtes Gitter
Wohl
tausend Mal schon habe ich die eisernen Stäbe mit meinen Pfoten niederreißen
wollen, und auch meine Zähne habe ich daran probiert. Aber härter als der
härteste Knochen, glatter als der glatteste Stein gibst du nicht nach, du
verfluchtes Gitter.
Ich höre Stimmen - hohe, tiefe, ich rieche deinen seufzenden Atem, ich suche
deine Augen, du Aufrechtgehender, um dir zu sagen: "Bitte, ich bitte dich,
ich bettele dich an!" Nein, ich will keinen Knochen, kein Stück
Barmherzigkeitswurst, ich habe keinen Hunger. Ich habe SEHNSUCHT - nach Luft,
Wiese, einer Decke in einer warmen Ecke, nach einer Hand, in die ich meine
Schnauze stecken kann. "Nimm mich mit!! Ich bitte dich, gib mir ein
Stückchen Glück von dem zurück, das ich verloren habe!" Ich weiß nur
nicht, warum ich es verloren habe. Ich begreife es nicht mit meinem kleinen
Hundehirn. Ich begreife es einfach nicht!!!
Von Tag zu Tag wird mein Blick müder. Die Kreise meiner Gedanken werden
kleiner, so klein, dass sie jetzt schon recht gut in meine Zelle passen. Ich
laufe im Kreis und denke im Kreis. Das Gitter ist mir schon vertraut, beinahe
habe ich es lieb. Ja, ich liebe dich, du verfluchtes Gitter, weil ich
wenigstens meine Hoffnungen durch dich durchblicken kann. Ich liebe dich, du
verfluchtes Gitter, weil ab und zu ein menschlicher Arm zu mir rein reicht und
manchmal sich ein Blick zu mir herein verirrt, der mir sagt: "Warte nur
ab. Es kommt auch für dich einmal ein schöner Tag! Bestimmt, bestimmt!!"
Um Mitternacht, wenn anderswo Geisterstunde ist, dann reden wir
"Häftlinge" miteinander, von Zelle zu Zelle, von Gitter zu Gitter.
Wir erzählen uns, warum wir ausgestoßen worden sind, vor die Tür gesetzt,
vertrieben, vergessen, wir armen Hunde im Massenstall.
Das ist die Stunde, in der ich dir direkt dankbar bin, du liebes verfluchtes
Gitter. Dann liebe ich dich wirklich, ehrlich, aufrichtig; denn dann bist du
nicht das Ende meiner Welt, sondern schützt mich vor der Welt der Menschen!
(Verfasser unbekannt)
« close
|